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[Untitled (Man’s Portrait with C.U.N.T.)]

Ulrike Matzer

CV

Ulrike Matzer

is an art historian, cultural scientist, and critic. Her work is situated at the intersections of visual culture, gender studies, the history of modern architecture, and media history. Since fall 2024 she is the head of the Margarete Schütte-Lihotzky (MSL) Centre, Vienna. Besides this, she works as a postdoctoral researcher, author, and critic. Since the academic year 2022/23 she lectures at the University of Zurich, as part of the Certificate of Advanced Studies in Theory and History of Photography. Prior to that, she was a visiting professor at the Photography Department of the University of Applied Arts Vienna.

Ulrike Matzer

ist Kunsthistorikerin und Kulturwissenschaftlerin. Ihre Schwerpunkte liegen im Bereich der Geschichte und Theorie der Fotografie, der Architekturgeschichte der Moderne sowie der Gender Studies und der Visuellen Kultur. Seit Herbst 2024 leitet sie das Margarete Schütte-Lihotzky (MSL) Zentrum in Wien, daneben ist sie als Forscherin, Autorin und Kritikerin tätig. Seit dem Studienjahr 2022/23 lehrt sie als Dozierende an der Universität Zürich im Rahmen des Weiterbildungsstudienganges Theory and History of Photography. Zuvor hatte sie die Gastprofessur für Geschichte und Theorie der Fotografie an der Universität für angewandte Kunst in Wien inne.

EN

[Untitled (Man’s Portrait with C.U.N.T.)]

Eight letters, intertwined to form a four-letter word inscribed twice in a counterclockwise circle, an indecent word spelled out at best as c*nt and erased by a beep on radio and TV: this word, unspeakable and yet pronounced precisely by its very silence and concealment, is materialized into an object by Ilse Haider. In contrast with many other works in which the artist appropriates photographic reproductions from the history of art and recreates them by projecting images of bodies onto bodily supports – a rattan cane, wood, the ends of cotton swabs – the photograph in this case is her own: a capturing of various people at the moment of speaking.

Words pronounced repeatedly and in isolation become strangers, their meaning suddenly unrecognizable. The signification and effect of an expression depend on the context as well as the intentions with which they are pronounced, and thus very greatly. Insults, especially, experience wide displacement regarding the original import of expressions with respect to what it designates – entailing also the a displacement of sexual assignation. Moreover, an acoustic signal is here transformed into a visual one, leading to more white noise.

Ilse Haider carries the engagement with such shifts in perception and meaning further in her later objects, which appear even more fully spatial and compel the beholder to adapt certain positions. The picture changes depending on one’s standpoint: showing and concealing, erasing and inscribing as two different versions of signifying.

(2009, MATRIX, Geschlechter / Verhältnisse / Revisionen, catalogue, Kulturabt. der Stadt Wien, MA7)

DE

O.T. (Männerporträt mit C.U.N.T.)

Acht Buchstaben, verhakt ineinander zum four-letter-word, zweifach im Kreis und gegen den Uhrzeigersinn arrangiert: ein wenig schickliches Wort, das bestenfalls c*nt geschrieben wird und in Funk und Fernsehen mit einem Ton gelöscht: eben jenes Unsagbare und im Verschweigen und Verstecken doch Gesagte materialisiert sich in einem Bildwerk Ilse Haiders. 

Anders als bei vielen ihrer Arbeiten, wo sich die Künstlerin fotografische Reproduktionen aus der Kunstgeschichte zu eigen macht und wiederum selbst reproduziert, indem sie Bilder von Körpern auf körperhafte Träger wirft (auf Peddigrohr, Holz, die Enden von Wattestäbchen), stammt in diesem Fall die Aufnahme von ihr: im Moment des Sprechens hat sie verschiedene Personen abgelichtet. Wiederholt und isoliert genannt erscheint einem der Sinn von simplen Wörtern oft plötzlich fremd, nicht wieder zu erkennen. Bedeutung und Wirkung von Ausdrücken hängen jeweils vom Kontext und von Sprechabsichten ab, sind also sehr unterschiedlich. Gerade bei Schimpfwörtern kommt es meist zu ziemlichen Verschiebungen, was den ursprünglichen Sinn eines Ausdrucks in Bezug auf das Bezeichnete betrifft – was in dem Fall auch eine Verschiebung geschlechtlicher Zuschreibung mit sich bringt. Zudem wird hier Akustisches ins Visuelle übertragen, was noch mal ein Rauschen produziert.

Die Auseinandersetzung mit solchen Wahrnehmungs- und Bedeutungswechseln führt Ilse Haider in ihren späteren Objekten fort, die noch stärker räumlich wirken und Betrachtende in bestimmte Positionen zwingen: Je nach Standpunkt nämlich verändert sich das Bild: Zeigen und Verbergen, Auslöschen und Einschreiben als je zwei Varianten des Verweisens.

(2009, MATRIX, Geschlechter / Verhältnisse / Revisionen, Katalog, Kulturabt. der Stadt Wien, MA7)

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A Laboratory in the Park

Herbert Schnepf

CV

Herbert Schnepf

(*1979 in der Steiermark/Ö, lebt und arbeitet in Wien) studierte Theater- und Filmwissenschaft/ Kunstsoziologie in Wien und Paris/ Nanterre. Anschließend Assistenz und Öffentlichkeitsarbeit für Filmfestivals, Filmproduktionen, Galerien und Künstler*innen; daneben im Sozialbereich u.a. als Trainer für Deutsch als Fremdsprache in Strafanstalten und Kunstakademien und in der Flüchtlingsbetreuung tätig. Arbeitet derzeit im Projektmanagement einer sozialen NGO und absolviert eine Ausbildung zum Psychotherapeuten. 

EN

A Laboratory in the Park

For the project »Querfeld I« in the Vienna Volksgarten Ilse Haider had a man photographed in a historically correct Germanic loin cloth, and planned to use a light-sensitive emulsion to reproduce the image on columns 3-5 of the Theseus Temple. The photograph was supposed to slowly and steadily flake away from the column. Nevertheless it is the longevity and current relevance of totalitarian ideologies that this piece of work addresses. The process of fading away stands for wishful thinking where this development is concerned. The exposed site in the heart of Vienna is to be seen as part of the agenda just as much as the time-consuming and physically demanding work in the open-air darkroom is. The element of process in the project is not only in the weathering of the photograph but already to be found in the act of working on the object. The paradox that hallmarks this artwork also proves to be an ironic gesture as the complete formulation of this demand taken to the extreme means the end of the demand itself as well. What is being treated with irony here, though, is not the content but the medium and its position. In »The Consoling Camera« Ilse Haider adopts an attitude of protest once again. Here it is the injustices experienced in everyday situations that the protagonists of the video vent their frustration over. The view on which the piece is based has made way for a more optimistic attitude, though: the feeling of powerlessness is expressed for many here on their behalf, the individual’s position is lent more weight. At the same time and with tongue in cheek an opportunity is provided to be heard at least after the fact and to be consoled by the camera.

(2003, Die tröstende Camera, catalogue, Galerie Steinek and Galerie Erhard Witzel)

DE

Labor im Park

Für das Projekt »Querfeld I« im Wiener Volksgarten hat Ilse Haider einen jungen Mann in Germanenschurz abgelichtet und geplant, mittels lichtempfindlicher Emulsion diese Bildvorlage an den Säulen 3–5 des Theseustempels anzubringen. Die Fotografie sollte sich durch kontinuierliches Abblättern langsam vom Stein lösen. Trotzdem wird gerade die Beständigkeit und Aktualität von totalitären Ideologien mit dieser Arbeit thematisiert. Der Vorgang der Auflösung steht für eine imaginierte Wunschvorstellung in Bezug auf deren Entwicklung. Der exponierte Ort im Herzen Wiens ist wohl ebenso programmatisch zu verstehen wie die aufwändige, körperlich anstrengende Arbeit in der Dunkelkammer im Freien. Das Prozessuale der Arbeit liegt nicht nur im Verwitterungsprozess der Fotografie, sondern bereits im Vorgang des Abarbeitens am Objekt. Das Paradoxon, das diese Arbeit kennzeichnet, erweist sich auch als Geste der Ironie, da das vollständige und bis ans Ende ausgeführte Formulieren dieser Forderung zugleich das Ende der Forderung selbst bedeutet. Was hier aber ironisiert wird, ist nicht der Inhalt, sondern das Medium und dessen Position. Bei der Arbeit »Die tröstende Camera« nimmt Ilse Haider erneut die Haltung des Protests ein. Hier sind es im Alltag erfahrene Ungerechtigkeiten, die die Protagonisten der Videoarbeit aufschreien lassen. Das Selbstverständnis, das der Arbeit zugrunde liegt, hat jedoch einer optimistischeren Haltung Platz gemacht : Das Gefühl der Ohnmacht wird hier stellvertretend für viele formuliert, der eigenen Position mehr Gewicht verliehen. Zugleich wird augenzwinkernd die Möglichkeit gegeben, sich zumindest retrospektiv Gehör zu verschaffen und von der Camera trösten zu lassen.

(2003, Die tröstende Camera, Katalog, Galerie Steinek and Galerie Erhard Witzel)

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